@Katzenpersonal
Ich denke, du hast da einen kleinen Denkfehler.
Einerseits behauptest du, dass die ganzen Assi-Systeme "schon konzeptionell chronisch unzuverlässig" sind und in eventuellen Gefahrensituationen
vielleicht mal falsch reagieren könnten.
Andererseits gehst du aber anscheinend davon aus, dass ein Mensch in gleicher Situation immer korrekt handelt. Dabei würde ich mal behaupten (ohne jetzt nach Beweisen zu suchen), dass der ganz große Teil der Unfälle oder gefährlichen Situationen auf der Straße durch menschliche Fehler entstehen.
nein, ich gehe nicht davon aus, dass Menschen in gleicher Situation immer korrekt (was ist das in der jeweiligen Situation? Juristisch korrekt? Den Verkehrsregeln entsprechend? Triaden-korrekt?) handeln. Definitiv nicht.
Was du bei der ganzen Sache vergisst: ein ganz grosser Teil potentieller Unfälle wird durch menschliche Ausgleichsreaktionen verhindert, und das in einer Qualität, die ein paar Algorithmen bei weitem nicht leisten können. Es ist für uns nur so selbstverständlich, dass uns das gar nicht mehr auffällt - wir reagieren schon instinktiv, weichen ohne grosses Nachdenken aus, sehen dies und das (zT schon von weitem) kommen und stellen uns darauf ein. Das erfordert eine sehr umfangreiche Wahrnehmung und kognitive Prozesse, die mehrere Potenzen über der Leistungsfähigkeit dieser strunzdummen Automaten liegen. Selbst eine Honigbiene oder gemeine Stubenfliege verfügt über bessere und schnellere natürliche Kollisionsvermeidungsreaktionen, und das mit minimaler Sensorik und einem Hirnchen, das man ohne Mikroskop kaum wahrnimmt.
Lass dich beim Vergleich nicht täuschen oder von dogmatischen Technokraten aufhetzen, die glauben, alle unsere Fehler durch maschinelle Betreuung kompensieren zu können. Unser Hirn ist - trotz aller Fehler - immer noch der am weitesten entwickelte Computer von allen, auch wenn wir nicht mit 678 Petaflops Datenbanken durchsuchen und (immer grössere, komplexere und demzufolge immer fehlerhaftere) Programme mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit abarbeiten können.
Es ist seit einiger Zeit eine Bewegung / Ideologie unterwegs, die den Menschen ansich aktiv zum Problem erklärt und ihn nicht nur immer stärker überwachen, sondern auch mit immer ausgefeilteren Methoden "korrigieren" bzw "optimieren" will bis hin zu Disziplinierungs- und Zwangsmassnahmen jeglicher Art. Sie unterwerfen sich gerne und freiwillig ihrem technologischen Dogma, erwarten das aber auch von allen anderen, und wenn nicht, muss man eben "nachhelfen". Was sie vergessen: dogmatisches Technokratiedenken ist ansich bereits ein menschlicher Fehler, weil es einen Tunnelblick beinhaltet, der wichtige Parameter für eine wissenschaftlich-vernunftbasierte Beurteilungs- und Entscheidungsfindung schlicht aussperrt - die Ergebnisse dieser Denkprozesse sind also letztlich
noch fehlerhafter als die des handelsüblichen Homo Sapiens. Was sie zB gern ignorieren und sogar abstreiten sind natürliche Verhaltensreaktionen (Psychologie / Soziologie) biologischer Lebewesen (damit sind wir gemeint) auf ihre "heiligen bis superfortschrittlichen" Theorien. Wir sind ja alle Automaten und müssen daher nur ein ... "Update" einfahren, sprich: ihre Ansicht und ihr Verhalten gut finden. Es reiche ja, wenn sich die Leute dem Diktat des Dogma unterwerfen, schliesslich sei es bestens durchdacht und absolut vernünftig. Dann wird alles besser (Heilsversprechen). Wer ihre technokratischen Phantasien entwickeln und bezahlen soll, ist ihnen auch ziemlich egal. Hauptsache, es wird gemacht.
Dieser relativ neuen Art von Technologiehörigkeit haben wir inzwischen allerhand (sehr teuren) Unsinn zu verdanken. Die Wirtschaft freuts, aber uns beschert es immer mehr Kosten und Stressfaktoren in unsem Leben. Dafür kaum mehr echte Sicherheit. Was hat dieses universell verwendbare Sicherheitsargument nicht schon alles an Missbrauch erlebt. Und was hatten wir bisher davon real?
Fühlen wir uns inzwischen wirklich sicherer, bspw in dem Zeitraum der letzten 25-30J?
Sind wir es?
Korrekt. Das passiert aber sowohl ohne als auch mit Assistenten. Und falls genau dann eine Gefahrensituation kommt, hab ich lieber elektronische Helferlein, die die Situation vielleicht noch retten bzw. mich rechtzeitig warnen.
Gerade letzten Sonntag nachmittags keine 5km von uns entfernt ist ein Autofahrer auf kerzengerader Landstraße (gut ausgebaut, keinerlei Sichtbehinderungen, gutes Wetter) von seiner Spur in den Gegenverkehr geraten. Ergebnis waren 1 Toter und 2 Schwerverletzte.
Am Sonntagnachmittag kam es auf der S57 zu einem folgenschweren Zusammenstoß zweier PKW.
www.blick.de
Vielleicht hätte der Spurhalte-Assi hier helfen können (war ein älteres Auto, also keine Assis).
Vielleicht auch nicht, das werden wir nie herausfinden. Man kennt ja "ist aus ungeklärter Ursache auf die Gegenspur geraten", das ist irgendwas zwischen "vermuteter Drogenrausch" und "Selbstüberschätzung mit Raserei".
Normalerweise kommt man nicht "einfach so" auf die Gegenspur (immer: Ursache-Wirkung). Und daraus abzuleiten, ein Spurassi hätte das verhindern können, ist äusserst gewagt, wenn man die Details und den Ablauf nicht kennt. Auf diese Weise lassen sich abertausende Unfälle pauschal als "wäre mit Assi nicht passiert"-Argument missbrauchen.
Die Helferlein sind ja durchaus in Ordnung, sofern sie passiv bleiben und sich durch eine sehr hohe Zuverlässigkeit auszeichnen. Beides ist nicht gegeben. Und das ist durchaus ein Problem: wenn das System immer wieder mal falsch lenkt oder bremst (oder auch gar nicht bei Bedarf, wenn es eigentlich erwartet wurde, also Unterlassung von Situationsrettungsmassnahmen wegen Nichterkennen), hinterlässt das einen (ev dauerhaft) verunsicherten Fahrer. Unsicherheit erzeugt Stress und sogar Aggression, was wiederum Unfälle begünstigt. Auch Ablenkung durch zu viele Sicherheitssignale (Fails oder nicht) ist bzgl der Verkehrssicherheit kontraproduktiv: in der Zeit der Verarbeitung der optischen und akustischen Signale sind wir mit unserem mentalen Fokus woanders - und übersehen daher zwangsläufig gerade potentiell real-unmittelbare Gefahren.
Alles nicht so einfach und eindeutig.